01. September 2005, 18:51 Uhr, schmollbriseArrogante Absage an deine WeltDu hast es mal versucht, und das ist ja auch okay, jeder darf das mal: sich ausprobieren. Nur jetzt bin ich eben da, genau das, “das” würdest du sagen statt “die“, das, was du immer wolltest, sagst du und lügst, denn ich bin nicht das, was du willst, sondern das, was du sein willst, da liegt der Fehler, hat sich’s bequem gemacht in deiner Wahrnehmung, gemütlich chillend genießt er täglich deine Fußmassagen und Fütterungen, der Fehler ist die Kopflaus, die du noch nicht bemerkt hast, aber die vermehren sich rasend, pass auf, gleich juckt’s. Da sind schon ne Menge Stiche, wenn du dir mal an den Kopf gefasst hättest, könntest du sie längst bemerkt haben.
Nur weil du mich mal geküsst hast in irgendeiner schlammigen Nacht, und ich mitgemacht habe, ja, es gefiel mir für den Moment, aber zwischen den Küssen war es so greifbar langweilig, vielleicht habe ich sogar kurz geschlafen, Ingeborg-Bachmann-like mit der brennenden Zigarette in der Hand, Kompromisslosigkeit ist nicht umsonst mein vierter Vorname. Ein aufbewahrungswürdiger Moment, wie du sagtest: Dubistsoweichduriechstsogutdubistichweißnichtweiter, und ich, ich wusste noch nicht einmal, ob man dich mit C oder K schreibt.
Und jetzt fragst du per SMS, was denn nur los sei. Warum ich denn nicht reagiere. Wo denn eigentlich das Problem läge? Das Problem ist der Fehler, aber der kratzt dich ja noch nicht. Ich bin echt im Superstress, sollte ich wohl schreiben, ich habe eine existentielle Sinnkrise, ich habe gerade meine Mutter zu Grabe getragen, mein Leguan hat die Grippe und liegt mit 40 Fieber auf dem Parkett, meine Haare sind fettig, ich organisiere eine deutsch-deutsche Begegnungsreise nach Mallorca, gerade klingelt sowieso das Telefon.
In meinem Zimmer verschimmelt viel zu viel Kaffee; die Bücher sind spannend, zu spannend für Zeit mit dir, das ist es meinetwegen, das ist das Problem! Ich - habe - keine - Zeit. Bin viel zu beschäftigt damit, meinen Bauch schön zu finden, bin viel zu beschäftigt, um zu verlieren, speziell mein Herz an dich, habe Blasen an den Füßen und keine Zeit, ich habe keine Zeit und du hast keine Chance, ich bin eine tolle Frau, kann zum Beispiel mit den Lippen immer noch meine Zehen berühren, sogar die Nägel abkauen; falls ich dich liebe, mache ich es dir vor. Ich kann jetzt rauchen und schreiben gleichzeitig, und zwar ohne Hinzunehmen eines Mundwinkels, wenn ich so weiter mache, ist der Roman, den ich noch nicht mal im Kopf habe, in einem Monat fertig und in drei Monaten gedruckt und in drei Monaten und einer Woche aus deinem Kopf nicht mehr wegzudenken. Die Welt schenkt mir eine Wanderbühne und ich bin das ganze Ensemble, ich = jeder kommt auf seine Kosten, ich bin immer noch mein bester Rausch, glücklich, begehrend, hungernd nach allem, was ich mir zu bieten habe, ich weiß mich zu unterhalten, indem ich euch Folgendes biete: Ihr dürft alle mal in meinen weit geöffneten Mund schauen, in dem für euch alles dunkel bleibt, weil ihr ja keine Ahnung habt, ihr habt ja keine Ahnung und ich freue mich über jede Aufmerksamkeit, die ich euch schenke, indem ihr sie mir schenkt, großäugig und -mäulig, und weißt du, du bist ihr König, alles was du mir versucht hast zu bieten, alles wertlos, für dich und erst recht für uns beide oder das, was es da deiner Meinung nach geben sollte zwischen uns. Bin ich neurotisch oder bist du einfach nicht gut genug?
Das ist meine Absage an deine Welt. Es tut uns leid, machen Sie unbedingt weiter, Ihre Arbeit ist wirklich exzellent, sehr knapp nur hat es diesmal nicht gereicht für Sie, beehren Sie uns bald wieder, anbei unsere Infobroschüre zu derundder bevorstehenden Veranstaltung.
Mit freundlichem Gruß.
4 Kommentare 
11. August 2005, 23:09 Uhr, schmollbriseFragen wir zum Beispiel mal:Wo ist die Zeit am besten aufgehoben? Ich werd sie wohl besser dir geben, ich verleg ja immer alles so schnell und merke es immer viel zu spät, weißt du, in einer warmen Nacht, in der mit einem Mal alles glüht, Mond, Wange, Leber, und dann ist alles vorbei mit einem Mal, weg eben, verschwunden die Zeit, du mit, vor allem.
Also heb du sie auf, leg sie ins Gefrierfach in einen blauen Frischhaltebeutel, nun nimm schon, mehr bekommst du nicht, mein Herz? Das kannst du vergessen, das erst recht nicht, das sähe ekelhaft aus, wenn du's einfrierst, du weißt, ich bin Ästhet, deswegen will ich kein Tiefkühlherz. Genügen muss: Du hebst die Zeit auf und ich komme ab und an mal vorbei und sehe sie mir an.
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11. August 2005, 22:29 Uhr, schmollbriseOder so.Ich will jetzt auf der Stelle New Yorkerin sein, ich steige in ein Flugzeug, sofort, und morgen früh bin ich in New York, abends, wegen der Zeitverschiebung, und betrinke mich mit Adam Green in Adam Greens Stammcafé, aber dann gehen wir in Adam Greens Wohnung, weil man in New York nicht mehr in der Kneipe rauchen darf, Adam Green und ich finden das nicht gut. Irgendwann frühstücken wir. Adam Green schreibt mir später ein geheimes Lied, von dessen Existenz noch nicht einmal ich weiß, aber man findet es in seinem Nachlass in sieben Jahren kurz nach seinem Drogentod. Ich werde weinen und ein Interview bei Stern TV geben und neben mir sitzt eine Frau, die hat den halben Kopf von einem Kampfhund abgebissen bekommen, die interviewt Günter Jauch aber vor mir, weil Adam Green besser ist als ein Kampfhund.
Ich will nach New York, verdammt, aber das nützt ja auch nichts. Plan- und elanlos bereite ich Nudeln mit Rahmspinat zu, esse etwas mehr als den halben Teller, kopiere stundenlang CDs in meine Laptop-Medienbibliothek, später lese ich sogar Günter Grass!, und das alles nur, um nicht darauf zu kommen, dass du mir fehlst oder so, ich darf das nicht wissen, so lebe ich, das ist die Aufgabe, die Notwendigkeit geworden ist wie für den Diabetiker das Insulin: Ich verarsche mein Limbisches System und das mit einer Inbrunst, die selbst Kinski nicht besser in seine Stimme hätte legen können. Komme trotzdem nicht drumrum, “like someone in love”, sagt Björk und hat ja auch Recht, aber ich will nichts hören davon, halt’s Maul, Björk, “I’m Not in Love”, danke, danke, danke und der nächste bitte, bitte, bitte noch so einen Kuss in den Nacken.
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